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Tuesday, 16. January 2018

Buchrezension "Generation Wodka"

Zu den Autoren zählen der Journalist und Bestsellerautor Wolfgang Büscher,Marcus Mockler, Kommunikationstrainer, Journalist und Vater von acht Kindern, sowie Bernd Siggelkow, der Begründer des christlichen Kinderhilfswerkes "Arche" in Berlin-Hellerdsdorf - auch Vater von sechs Kindern. Die ARD-Moderatorin Caren Miosga hat das Vorwort verfasst. In ihrem Buch erzählen sie Geschichten von Jugendlichen, die den Teufelskreis Alkoholsucht durchbrechen wollen, aber auch von Menschen, die mit ihrer Sucht gut leben können – und wollen.

"Den Vorhang niederreißen"
Eltern, Mediziner, Pädagogen und Krankenkassen schlagen jedenfalls Alarm. Und die Autoren liefern anhand von Studien erschreckende Zahlen: Demnach trinktjeder zehnte Jugendliche unter 12 Jahren regelmäßig Alkohol. Sogar Kinder im Grundschulalter betrinken sich schon krankenhausreif. Die Autoren selbst haben mit ihrem Buch den - vielleicht hehren - Vorsatz, diesen "Vorhang niederzureißen" und den Lesern die Augen zu öffnen für die "Generation Wodka".



Aus ihrer eigenen Arbeit wissen sie: Diejenigen, die früher viel getrunken haben, trinken heute sehr viel. Diejenigen, die früher sehr viel getrunken haben, tauchen heute regelmäßig ins Koma ab. Auch wenn ein Teil der Bevölkerung das Problem schon wieder verdrängt hat, offenbaren die offiziellen Zahlen das Gegenteil. Knapp sechs Prozent der Jugendlichen trinken mindestens einmal pro Woche fünf Gläser oder mehr auf einer Party. Dies ist jeder 17. Jugendliche und damit zwei in einer größeren Schulklasse.

Erst verführt und dann alleingelassen
Diejenigen, die mit 12 Jahren anfangen regelmäßig zu trinken, werden aufgrund versagender Organe nicht älter als 25 Jahre. Zudem werden in Deutschland jährlich 10.000 Kinder mit schweren Alkoholschäden geboren. Bei regelmäßigem Konsum im Alter von 15 Jahren beginnt bereits nach sechs Monaten die Abhängigkeit. Das Problem sehen die Autoren darin, dass die Kinder meistens zunächst mit Alkohol verführt und dann alleingelassen werden.
Neben Zahlen und Fakten zeichnen die Autoren auch Lebensbilder: Da ist etwa die 16-jährige Maren, die sich wünscht, dass ihre Tage genauso ablaufen wie ihre Abende – mit ganz viel Alkohol. Marens Leben ist bestimmt vom "Saufen, das kein Maß kennt". Durch einen One-Night-Stand wird sie zur jungen Mutter. Da ist Marek, der seine Gewalt nicht im Zaum halten kann und im Suff zum Mörder seines Kumpels wird. Ein betroffener Jugendlicher ist glücklich mit seinem – alkoholabhängigen - Leben, "weil er mehr erlebt als die ganzen Spießer".
Bei einigen von ihnen ist es Imponiergehabe, andere wollen ein "scheiß langweiliges Leben" vermeiden.

Ein Phänomen aller sozialen Schichten?
Vieles von dem, was die Autoren schreiben, ist nicht neu und doch tut es dem Leser gut, sich einige Fakten und Wahrheiten wieder neu zu vergegenwärtigen.
Der Alkohol verspricht in vielen angespannten Situationen Entspannung. Dabei sind Bier und Alkopops meistens die Mittel, mit denen Jugendliche "angefixt" werden. Im Rausch entsteht für sie ein starkes Wir-Gefühl. In Cliquen ist es so,dass sich Jugendliche rechtfertigen und entschuldigen müssen, wenn sie keinen Alkohol trinken möchten.

Verschärft wird das Ganze dadurch, dass Alkohol in Deutschland so frei verfügbar ist, wie in keinem anderen EU-Land. Je nachdem, wie kompatibel es bei den Jugendlichen mit ihren übrigen Hobbys ist, wird das Komasaufen zum Phänomen fast aller sozialer Schichten. Die gängige Praxis beschreibt der Sozialpädagoge Samuel Kuttler, der sich im christlichen Kinderhilfswerk Arche um sozial benachteiligte Jugendliche kümmert. Für viele seiner Schützlinge sei der Konsum eine Standard-Freizeitbeschäftigung - auch um sich für sexuelle Aktivitäten aufzulockern.
Eine wichtige Rolle spielen zudem die Eltern: Viele scheinen überfordert ihren Kindern ernsthaft Hilfreiches zum ausgewogenen Umgang mit Alkohol zu vermitteln. "Wenn eine Mutter manchmal drei Jobs annehmen muss, nur um ihre Kinder über die Runden zu bringen, ist es kein Wunder, dass keiner die Kinder überwachen kann", erläutert Mitautor Wolfgang Büscher im Gespräch mit pro die harte Realität.




Wege zum berauschenden Getränk extrem kurz
Durch entsprechende Werbespots spielten auch die Medien eine tragende Rolle. Insgesamt machten sie die Wege zum berauschenden Getränk extrem kurz. Die Autoren stellen die Frage, welche Rolle der Staat einnehmen kann, der durch Steuergelder für Alkohol und Tabak enorm von dem Konsum profitiere. Auch Mitautor Bernd Siggelkow gewährt einen Einblick, wie er in seiner eigenen Familie und in der Erziehung seiner sechs Kinder mit dem Thema Alkohol umgeht.
Die Autoren ziehen aus der kritischen Bestandsaufnahme Konsequenzen. Wie viel davon realistisch umsetzbar ist, sei dahingestellt. Sie möchten jedenfalls nicht weiter tatenlos zuschauen und ein Alkoholverbot in der Öffentlichkeit durchsetzen. Zudem soll es keinen Verkauf mehr von Alkohol an Tankstellen, verschärfte Bedingungen im Supermarkt, höhere Preise für Hochprozentiges, einen Risikohinweis auf den Flaschenetiketten, eine Einschränkung von Alkoholwerbung und ein striktes Alkoholverbot für Schwangere geben. Die Verfasser betonen, dass dies kein Allheilmittel, aber zumindest ein Anfang sei.

Positive Vorbilder in skandalösen Zeiten
Deutschland, so die Autoren, brauche mehr Lehrer und Sozialarbeiter, "die unsere Kinder darüber aufklären, wenn deren Eltern das nicht wollen oder können". Hier müsse sich ein Problembewusstsein entwickeln. Außerdem bedürfe es positiver Vorbilder in Zeiten vieler Skandalberichte. "Wegschauen hilft niemandem", sind sie sich in ihrem Resümee einig. Wenn alles so weitergehe wie bisher, sehe die Zukunft düster aus. Wenn die bestehenden Trends sich fortsetzen, würde in zehn Jahren die Hälfte aller Kinder in sogenannten "bildungsfernen" Schichten zur Welt kommen und aufwachsen.

Das Buch, das in groben Zügen an "Die Kinder vom Bahnhof Zoo" erinnert, einen Bericht einer Drogenabhängigen in Berlin, ist ein wichtiger Beitrag, um den Menschen manche Realitäten wieder ins Gedächtnis zu rufen. Die Autoren kämpfen für Kinder ohne Lobby, die ihre Hoffnungslosigkeit mit Alkohol betäuben. Am Ende des Buches formulieren sie einen klaren Appell an den Leser: "Es wird von unserer Haltung dazu abhängen, ob sich das Experiment 'Generation Wodka' fortsetzen darf."

 Dieser Artikel von Johannes Weil ist erschienen auf www.pro-medienmagazin.de.