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Tuesday, 16. January 2018

Fehler machen erwünscht

Moment Mal! Wer sagt das denn? Ich! Und ich hoffe du auch, nachdem du diesen Artikel gelesen hast. Wie ich dazu komme: Letztens habe ich in den Untiefen meines Computers einen alten Ordner gefunden. Darin bin ich auf einige Dokumente des Grauens gestoßen. Es handelte sich dabei um meine ersten Gehversuche in der Mitarbeit: Andachten, Programmentwürfe und anderes. Und ich dachte nur so: Da scheinen mich einige Leute aber sehr lieb gehabt zu haben, dass sie mich diese Dinge haben machen lassen.

Diese ersten Gehversuche sind jetzt 13 Jahre her und ich würde vieles von dem heute sicher nicht noch einmal so machen. Aber letztlich bin ich dann doch noch froh über diesen Ordner geworden. Weil er mir heute zeigt, dass ich mich damals ausprobieren durfte. Dass ich Fehler machen durfte. Dass ich nicht perfekt sein musste. Dass ich mich entwickeln und dazu lernen durfte. Bis heute.  So bin ich in Vielem richtig gut geworden. Bei manchen Dingen weiß ich mittlerweile, dass ich sie nie wieder machen oder auf diese Weise machen werde. Fehler machen gehört bis heute zu mir, darf sein und bringt mich sogar weiter, wenn ich aus ihnen lerne.

„Du darfst dich ausprobieren und dabei Fehler machen!“ Für jeden Mitarbeiter ist es wichtig, das zu spüren, gerade aber für neue, junge Mitarbeiter.
Hier vier Leitlinien, wie wir ein solches Testfeld in unseren Mitarbeiterkreisen gestalten können:

1) Aussprechen: „Du darfst Fehler machen!“ und es auch so meinen

Dietrich Bonhoeffer hat einen sehr wahren Satz gesagt: „Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.“ Neue Mitarbeiter müssen deshalb wissen, dass es in Ordnung und völlig normal ist, Fehler zu machen. Mir hat es geholfen, das zu hören.  Allerdings ist dieser Ausspruch absolut nichts wert, wenn der Mitarbeiter dann doch nach dem ersten Fehlversuch völlig zusammengefaltet wird oder hinter vorgehaltener Hand über ihn gesprochen wird.
Gott sucht übrigens auch nicht die perfekten Mitarbeiter. Er kann gut mit unseren Schwächen, Defiziten und Fehlern umgehen. Viel besser als wir! Die Jahreslosung 2012 ist nur ein Beispiel für Gottes Versprechen, dass er sich zu uns und unseren Fehlern stellt und sogar durch diese Fehler hindurch wirken will: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ (2. Korinther 12,9). Sehr anschaulich wird dies in dem aktuellen Film „Butterfly Circus“ von und mit Nick Vujicic.

2) Ältere Mitarbeiter, die Fehler machen und zu ihnen stehen

Bei älteren, erfahreneren Mitarbeitern kann man sich Vieles abgucken. Zum Beispiel, wie man mit Fehltritten umgeht. Auch erfahrene Mitarbeiter und Leiter machen Fehler. Auch mir passiert das! Deshalb ermutige ich meine Mitarbeiter, mir zu sagen, wenn ich ihrer Meinung nach einen Fehler gemacht habe. Und ich freue mich darüber, dass meine Mitarbeiter so offen zu mir sind, dass sie mir meine Fehler zurückmelden. Wenn ich dann merke, dass sie Recht haben, sage ich ihnen das auch. Nur so erleben neue Mitarbeiter, dass es nicht schlimm ist, Fehler zu machen und dass einem kein Zacken aus der Krone bricht, wenn man zu seinen Fehlern steht.

3) Begleitetes „Learning-by-doing“

Ich halte nicht viel davon, Mitarbeiter ins kalte Wasser zu schmeißen. Natürlich müssen sich neue Mitarbeiter auch an Herausforderungen herantrauen. Allerdings habe ich die besten Erfahrungen damit gemacht, wenn man neuen Mitarbeitern erfahrene Mitarbeiter an die Seite stellt.

Bewährt hat sich dabei folgendes Vorgehen:

  • Phase 1: Schau mir zu und wir reden darüber.
  • Phase 2: Wir machen´s gemeinsam und reden darüber.
  • Phase 3: Du machst es allein und wir reden darüber.

Je nach Mitarbeiter werden die einzelnen Phasen kürzer oder länger ausfallen. Hier fehlt uns in den Mitarbeiterkreisen oft eine gute Feedbackkultur, die es neuen Mitarbeitern sehr erleichtern würde, Fuß zu fassen, Sicherheit zu gewinnen und sich weiter zu entwickeln.

4) Verschiedene Möglichkeiten der Mitarbeit eröffnen

Oft habe ich das Gefühl, dass man nur dann als ordentlicher Mitarbeiter angesehen wird, wenn man auch Andachten halten kann und will. Es herrscht manchmal ein regelrechter Druck auf Mitarbeitern, dass sie ja auch irgendwann bitteschön ihre erste Andacht halten müssen. Nur wer verlangt das eigentlich? Wieso begeben wir uns nicht mit unseren Mitarbeitern auf eine Entdeckungsreise, um herauszufinden, was voll ihr Ding wäre?

In Ronsdorf haben wir eine offene Jugendarbeit, in der wir sehr auf Beziehungsarbeit und das Gespräch mit den Jugendlichen setzen. Das stellt eine hohe Verantwortung für jeden einzelnen Mitarbeiter dar. Und es ist auch nicht jedermanns Ding. Als Mitarbeiter wissen wir voneinander, dass es dem einen leichter und dem anderen schwerer fällt, bei den Jugendlichen anzuknüpfen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Deshalb haben wir vor kurzem die anderen Zuständigkeiten rund um den Jugendabend klar verteilt. Damit auch andere Gaben der Mitarbeiter zum Zug kommen und die Jugendarbeit bereichern.

Sicher gibt es noch mehr Dinge, die hilfreich sind, für einen guten Einstieg in die Mitarbeit. Dennoch sind diese vier Leitlinien für mich absolut wesentlich, wenn wir jungen Mitarbeitern ein Testfeld eröffnen möchten, in dem sie sich ausprobieren und Fehler machen dürfen, um letztlich wachsen zu können.

Manuel Neeb │ Jugendpastor der FeG Wuppertal-Ronsdorf