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Tuesday, 16. January 2018

Echte Freiheit!?

Niemals war die Freiheit sich zu entscheiden so groß wie heute. Wenn man nur 30 Jahre zurückdenkt, waren die Entscheidungsmöglichkeiten sein Leben zu gestalten, noch von engeren Grenzen gekennzeichnet. Diese Freiheit ist ein Segen, aber gleichzeitig auch ein Fluch. Die Übersicht geht verloren, die Angst Fehler zu machen wird immer größer. Ist unsere Freiheit eine echte Freiheit?

Freiheit definieren wir auch als das Gegenteil von gefangen sein. Jemand, der nicht in der Hand anderer ist, ist frei. Jeder, der nicht im Gefängnis sitzt ist in diesem Sinne frei.

Unfrei kann jemand sein, obwohl er in totaler Freiheit lebt. Es erscheint paradox, doch ist das gar nicht so selten. Wir leben in einem freien Land, freie Meinungsäußerungen, freie Gestaltung des eigenen Lebens, freie Entscheidung was ich wann und wo arbeite oder lerne oder die freie Entscheidung wo und mit wem ich die nächste Party feiere. Alles Freiheiten. Doch in dieser Freiheit kann man ohne Frage gebunden sein an eigenen Vorstellungen, die mir mitgegeben wurden. Werte, die mir gepredigt und auf dem Weg meiner Erziehung in den Rucksack gelegt wurden. Darf ich eigentlich ich selbst sein, mit meinen Wünschen und Träumen oder muss ich angepasst durchs Leben ziehen? In der ländlichen Gegend, in der ich wohne kommt es hin und wieder vor (leider immer noch zu oft), dass Kinder von ihren Eltern unterschwellig zum Bleiben gedrängt werden, und ihre eigenen Wünsche bitte nicht zu verwirklichen. Auf unterschiedlichen Wegen wird entweder gelockt oder gedroht. "Bleib doch hier, hier ist es so schön. Das Haus ist doch für dich gebaut. Das Grundstück haben wir für euch angeschafft", oder oder oder.

Freiheit überall - oder eben doch nicht?

Die Bibel spricht von Freiheit, sogar sehr viel. Christus selbst sagt: Wenn Ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid Ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird Euch frei machen. (Joh 8,31f). Paulus gibt dem Wort in Römer 8,2 eine andere Richtung: Denn dort, wo Jesus Christus ist, gilt: Du bist befreit von dem Gesetz, das von der Sünde missbraucht wird und zum Tod führt. Denn Du stehst jetzt unter dem Gesetz, in dem der Geist Gottes wirkt, der zum Leben führt.

Und noch einmal Paulus, der in einer ganz bestimmten Fragestellung der Christen in Korinth folgende Antwort gibt: Gebt aber Acht, dass nicht die Freiheit, die euer Verhalten bestimmt, die Schwachen in der Gemeinde zu Fall bringt.

(1. Korinther 8,9).

Biblische Freiheit ist vielschichtig gemeint und muss immer im ganz speziellen Kontext gesehen und ins Heute übersetzt werden.

Weil unter dem Wort Freiheit bei uns durchaus unterschiedliche Vorstellungen vorhanden sind, will ich verschiedene Aspekte in den Fokus nehmen:

 

Mir selber Freiheit geben zum Ich selbst sein.

Gottes Ansinnen ist es, dass der Mensch sein Wesen, seine Fähigkeiten, seinen Charakter so entwickelt, wie es sich der Schöpfer ursprünglich erdacht hat. Das Wesen Gottes ist Freiheit. Er schafft eben gerade nicht die Menschen, damit sie an Marionettenbändern durchs Leben 'gespielt' werden, sondern als Wesen, die sich selbst ganz alleine und frei entscheiden können, was sie tun oder lassen. Der Vater gibt den verlorenen Sohn in Lukas 15 frei (und zahlt sogar noch das Erbe aus). Der Sohn entscheidet, der Vater akzeptiert. Dass das Leben des Sohnes nicht in ganz so ebenen Bahnen verlaufen würde, wusste der Vater. Trotzdem ließ er ihn gehen. Er akzeptierte die Freiheit der Entscheidung.

Ein Mensch, der sich gegen das Leben mit Gott entscheidet wird von Gott respektiert. Er trauert darüber und es bricht ihm das Herz, aber es bleibt alleine die Freiheit des Menschen, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Jesus respektiert die freie Entscheidung des reichen Jünglings in Matthäus 19,22. Der reagierte auf die Forderung Jesu, alles zu verkaufen und den Armen zu geben und dann Christus zu folgen mit Ablehnung.

Wenn ich von Gott aus ganz ich selbst sein darf, entscheiden darf, stellt sich die Frage: Bin ich ganz ich selbst? Lebe ich so, wie Gott sich mein Wesen und Charakter vorgestellt hat?

Nimm Dir Zeit, über diese Frage nachzudenken! Jetzt, wenigstens 10-15 Minuten.

Gibt es Situationen, in denen du nicht du selbst bist?

Ich kenne sie zu Genüge. Als Pastor bin ich häufiger in etwas heiklen Situationen, in denen ich nicht immer ich selbst sein kann. Manches mal würde ich liebend gerne an die Decke gehen, wenn ich zum Beispiel in Fragen über die Zukunft mit Menschen spreche (was derzeit häufig passiert) und ich Ablehnung und Ängste vor der Zukunft sehe, statt Engagement und Risikobereitschaft. Da man mit Ausflippen aber nicht weit kommt, zumindest nicht in frei evangelisch orientierten Kreisen (und sonst wohl auch nicht), muss ich mit zügeln und kann nicht einfach so explodieren, wie es mir gerade beliebt. Das wäre kontraproduktiv. Doch die Frage dahinter ist doch: Wo kann ich denn den Druck aus dem Kessel lassen? Wo kann ich das, was mich im innersten bewegt an die Luft setzen? Ich benötige den Ort, wo ich diesbezüglich ich selbst sein kann und darf, sonst deformiere ich auf Dauer mich und meinen Charakter.

Es gibt aber auch genug Situationen, in denen ich selbst sein kann und es trotzdem nicht bin. Es gilt darüber nachzusinnen, warum das so ist und bedarf dazu einer gesund, kritischen Haltung mir selbst gegenüber. Letztens ist es mir auf dem Fußballplatz passiert. Ich trainiere eine Herren-Mannschaft und es gab eine Situation, in der ich mich als  fremdgesteuert empfunden habe. Ich denke heute noch über diese Situation und mein Handeln darüber nach. Warum habe ich so reagiert? War ich das wirklich selbst? In den vergangenen Wochen habe ich mit Gott darüber gesprochen, nicht wieder so handeln zu wollen. Mein eigenes Verhalten hat mich genervt, aber ich muss dem auf den Grund gehen, warum ich nicht meinem Selbst gemäß gehandelt habe.

 

Zwei Fragen:

Gibt es bestimmte Situationen, in denen Du nicht Du selbst bist? Warum?

Was tust Du dagegen?

 

Wie viel muss ich mich anpassen – in Bezug auf das, was Gemeindeerwartungen sind?

In der Gemeinde haben wir es mit mehr oder weniger großen Ansprüchen an unser Leben und Verhalten zu tun! Freiheit im biblischen Sin heißt ja nicht, alles zu tun und zu lassen, wie man lustig ist. Freiheit im biblischen Sinne meint ja, von Gesetz, Sünde und Tod befreit worden zu sein, aber auf der anderen Seite sich bewusst - und das hast du mit deiner Bekehrung getan - einem Gott zu unterstellen, der nicht ohne Ansprüche an dich und dein Verhalten unterwegs ist. Der Römerbrief allgemein (Kapitel 1-12), Römer 6 (besonders Vers 14) und der 1. Korintherbrief (besonders Kapitel 9) machen deutlich: Wir stehen nicht mehr unter dem Gesetz von Schuld, Sünde und Tod, aber wohl unter dem Gesetz von Jesus Christus. Und es war (hoffentlich) keine Affekthandlung von Dir, sich diesem Christus zu unterstellen.

Dieser Christus hat Ansprüche an Dich und diese sind nicht klein, sondern haben es in sich. Wer die Bergpredigt liest hat damit eine Richtung vorgegeben, die sicherlich herausfordert. Mich zumindest.

Und hier - tataaaaaa - kommt der entscheidende Faktor: Wie viel muss ich mich den Gemeindeerwartungen anpassen und wie viel darf ich als Kind Gottes ich selbst sein? Mit Ecken und Kanten, Eigenarten und Stärken?

Diese Fragen zu beantworten würde ein ganzes Buch füllen, das ich weder zu schreiben in der Lage bin, noch in der Länge hier genug Platz habe. Deswegen nur einige kurze Gedanken dazu:

 

1. Wer in der Gemeinde hat welche Erwartungen an mich. Bezüglich meines Verhaltens, meiner Mitarbeit, meiner ethischen Positionen. Das muss genau geklärt werden. Wenn Lieschen Müller die Erwartung hat, dass Du schön angepasst du die Gemeinde läufst, weil es ihr ansonsten zu laut, unangenehm oder ausgeflippt ist, dann muss man sich mit Lieschen Müller genau auseinandersetzen und nachfragen, wo der Haken liegt.

2. Wenn Elternteile bestimmte Erwartungen an Dich stellen, weil sie selbst ihre Kinder nicht in den Gottesdienst geschleift bekommen (wegen zu garvierender Langeweile zum Beispiel), dann bist Du als Leiter der Jugend nicht in Zugzwang. Es ist nicht Deine Aufgabe sie in den Gottesdienst zu bringen, es ist die Aufgabe der Eltern, das zu tun. Manche Eltern wollen ihre Versäumnisse durch Jugendmitarbeiter oder Pastoren kompensiert wissen. Da hilft es, den Eltern ihre Verantwortung vor Augen zu malen und ihnen deutlich zu machen, dass wesentliche Erziehungsfragen nicht an andere abzugeben sind.

3. Wenn ein Ältestenkreis auf Dich zugeht und deine Vorbildfunktion als MitarbeiterIn hinterfragt, weil Du ethisch/moralisch fragwürdige Freiheiten in Anspruch nimmst, solltest Du genau hinhören und genau nachfragen und genau in die Bibel schauen, was da steht. Und Dich den kritischen Rückfragen stellen.

4. Wenn Menschen auf Dich zukommen, die Sünde in deinem Leben ansprechen, solltest Du mit ganz weit geöffneten Ohren hören und Dich damit auseinandersetzen. Haben sie recht oder nicht?

 

Du merkst: Es gibt unterschiedliche Erwartungen an Dich in der Gemeinde. Jesus hat welche, Gemeinde hat welche. Es muss zwingend darüber gedacht und geredet werden, welche für mich wesentlich sind und welche nicht.

 

Freiheit und Mut wirklich das zu tun, was ich selber kann.

Das Prinzip des gabenorientierten Mitarbeitens sollte sich mittlerweile durchgesetzt haben. Doch muss ich immer wieder mit Erstaunen feststellen, dass es zu oft darum geht bestehende Lücken auszufüllen. Ich habe nicht Begabungen bekommen, um Lücken zu füllen, welche ich nicht füllen kann. Ich habe Begabungen bekommen, um sie genau dort einzusetzen, wo sie sinnvoll und richtig sind. Ich kann bestimmte Dinge sehr gut, diese setze ich ein. Ich kann bestimmte Dinge - als Konsequenz, dass ich einige gut kann - ziemlich schlecht und es tut allen gut, wenn ich die Finger davon lasse. Wenn in meiner Gemeinde ein Techniker gesucht und die Frage an mich herangetragen wird, ob ich das nicht übernehmen könnte, lehne ich dankend ab. Technik hat den Sinn, dass sie funktioniert, nur so hilft sie anderen und dient ihnen. Bin ich an den Reglern oder sollte ich Technik aufbauen und verkabeln wäre Chaos vorprogrammiert - und Ärger auch! Also lasse ich ganz gepflegt und in großer Freiheit die Finger davon. Das bedarf aber der Vorklärung bei mir selbst, dass ich weiß, was ich kann und was nicht. Und es bedarf eines Selbstbewusstseins und Selbstwertes, das für mich zu erkennen und zu akzeptieren. Wer nicht weiß, was er kann, kann nicht die Freiheit haben ja oder nein zu sagen, und wird vielleicht (nur) zum Lückenfüller!

 

Freiheit Prioritäten zu setzen.

Letztens las ich in einer Zeitschrift und es flog mich ein kleiner Artikel an, den ich bis dato nicht vergessen kann. Ein Satz wurde besonders herausgestellt, der sinngemäß so lautete:  Wir schaffen so wenig, weil wir so viele Dinge tun.

 

Das saß bei mir. Als Pastor stehe ich an vielen unterschiedlichen Stellen parat und habe manchmal den Eindruck von Veranstaltungen, Treffen und Dingen unterdrückt und geknechtet zu werden. Hier etwas, da etwas, hier noch etwas, da noch ein Treffen, hier eine neue Idee, dort ein anderer Impuls usw.. So viele Dinge, weil wir in einer multioptionalen Welt leben, mit multioptionalen Wünschen von multioptionalen Menschen. Bis ich gemerkt habe, dass die Masse der Dinge mich in arge Bedrängnis bringen: Dass ich zu viel mit 70% Leistung (oder noch weniger) an den Start bringe, und zu Weniges mit 100% oder noch mehr! Die Masse macht es, deswegen klingelt ein Wort eines Freundes immer noch nach, der es in einer Andacht hervorhob: Reduktion. Nimm Dir die Freiheit Prioritäten zu setzen und lass Dich nicht von tausend Wünschen anderer vereinnahmen. Klingt leichter, als es ist. Es bleibt trotzdem eines der notwendigsten Dinge. Und wenn wir es als Gemeinden und Mitarbeiter (egal ob Haupt- oder Ehrenamtlich) nicht verstehen uns auf unsere Kernkompetenzen, welche es auch immer sein mögen, zu konzentrieren, werden wir in der Vielfalt irrelevant bleiben.

Prioritäten setzen, reduzieren auf das Wesentliche. Das ist Freiheit. Alles andere ist Knechtschaft - und von der hat uns Christus befreit.

 

Dirk Ahrendt